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Hoch präzise und gewebeschonend - Kliniksmagazin 5/2008

Jenaer Radioonkologen führen neue Methoden der Brachytherapie ein

Brustkrebspatientinnen werden in der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie des Universitätsklinikums Jena seit Januar 2008 auch mittels Brachytherapie bestrahlt – ein Novum in Thüringen. Bei der Brachytherapie (grch.: brachy = kurz) wird eine sehr kleine Strahlenquelle in unmittelbarer Nähe oder inmitten der Tumorregion platziert. Auf diese Weise können Tumoren mit sehr hohen Dosen außerordentlich präzise bestrahlt und benachbarte Gewebe und Organe geschont werden. Damit unterscheidet sich die Brachytherapie deutlich von der perkutanen Bestrahlung, bei der ultraharte Photonen oder die Elektronenstrahlen des Linearbeschleunigers über die Haut in das Körperinnere eindringen.

Im Bereich der ehemaligen Tumorregion, die während der brusterhaltenden Operation mit Metallclips markiert wurde, werden zunächst mehrere 1,5 mm dünne Plastikschläuche (zumeist sind es zwischen acht und 20) exakt positioniert. Dieser Eingriff wird in Allgemeinnarkose durchgeführt und dauert eine halbe bis eine Stunde. Die lediglich knapp 4 mm lange und 0,8 mm dicke Strahlenquelle aus Iridium 192 – einem Gammastrahler mit einer Halbwertszeit von 74 Tagen – wird nach der Positionierung der Applikatoren in der Bestrahlungsregion automatisch ausgefahren, die gewünschte Dosisverteilung wird in Abhängigkeit von der computergesteuerten Haltezeit und -position erreicht. Die ein- bis zweimal täglich durchgeführte Bestrahlung dauert einschließlich des Ankoppelns aller Schläuche an das Bestrahlungsgerät etwa 15 bis 20 Minuten, eine Strahlenbelastung des Personals besteht nicht.
Je nach Art der Applikation der Strahlenquelle wird zwischen intracavitärer (Bestrahlung von Hohlräumen, bspw. des Uterus oder der Vagina), intraluminaler (Bestrahlung der Speiseröhre, des Bronchialsystems, der Gallenwege usw.) und interstitieller Brachytherapie (Bestrahlung im Gewebe, bspw. im Kopf-Hals-Bereich oder in der Brust) unterschieden. Die Brachytherapie kann als Boost (engl.: to boost = erhöhen, verstärken) oder als alleinige Teilbrustbestrahlung erfolgen. Beim Boost handelt es sich um eine kleinräumige Dosisaufsättigung in der ehemaligen Tumorregion, die nach vorausgegangener perkutaner Bestrahlung des gesamten Brustdrüsenkörpers durchgeführt wird. Als alleinige Teilbrustbestrahlung ist die Brachytherapie ausschließlich bei Patientinnen mit geringen Risikofaktoren für Rezidive nach brusterhaltender Operation möglich. Entsteht dennoch ein Rezidiv, entwickelt sich dieses überwiegend in unmittelbarer Nähe der ehemaligen Tumorregion. Das notwendige Bestrahlungsvolumen wird dann auf etwa 2 cm um das Tumorbett begrenzt, wodurch benachbartes Brustgewebe, die Thoraxwand, die Haut aber auch das Herz geschont werden.

Behandlungsdauer deutlich verkürzt

CT-gestützte dreidimensionale Bestrahlungsplanung im Bereich der Brustdrüse. Die interaktive Darstellung der farbigen Isodosenlinien (Linien der Dosis gleicher Größe) erfolgt im Schnittbild oder als räumliche Ansicht. Fotos: Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie
Im Rahmen einer multizentrischen europäischen Therapiestudie kommen für die Brachytherapie Patientinnen nach brusterhaltender Operation in Frage, die älter als 40 Jahre sind, deren Tumorgröße maximal 3 cm betrug, bei denen kein Lymphknotenbefall bestand und deren Tumor mit einem Sicherheitssaum von mehr als 2 mm entfernt wurde. Beim Boost sind zwei bis drei Bestrahlungsfraktionen in ein bis zwei Tagen und bei der alleinigen Teilbrustbestrahlung acht bis zehn Fraktionen in vier bis fünf Tagen erforderlich. Bei einem Teil der Patientinnen mit Mammakarzinom kann auf diese Weise die ambulante strahlentherapeutische Behandlung mit 25 bis 33 perkutanen Bestrahlungen in fünf bis sieben Wochen auf einen einwöchigen stationären Aufenthalt verkürzt werden. Die Brachytherapie ist sehr gut verträglich und auch Schmerzmittel werden in der Regel nicht benötigt. Zur Sicherheit erfolgen allerdings eine antibiotische Abschirmung und eine effektive Lokaltherapie der Ein- und Austrittsöffnungen, die nach der Entfernung der Schläuche im Anschluss an die letzte Bestrahlung reizlos verheilen.
Eine europäische Phase-II-Studie mit 274 Patientinnen zeigt, dass die Rezidivrate bis sieben Jahre nach der Brachytherapie-Teilbrustbestrahlung drei bis vier Prozent beträgt und damit in der gleichen Größenordnung wie bei der postoperativen perkutanen Ganzbrustbestrahlung liegt. Deutlich besser ist das kosmetische Ergebnis, das von etwa 95 Prozent der Patientinnen mit sehr gut bewertet wird. In die gegenwärtig laufende europäische Phase-III-Studie zur interstitiellen Teilbrustbestrahlung mit insgesamt 16 Brachytherapiezentren werden auch die Daten Jenaer Patientinnen eingebracht.

Optimale räumliche und technische Voraussetzungen

Seit dem Umzug unseres Arbeitsbereiches in die ehemaligen Räume der Klinik für Neurochirurgie in der Bachstraße im Juni 2007 verfügen wir über ausgezeichnete räumliche Voraussetzungen. Die vorhandene Infrastruktur im OP-Trakt können wir nach den erforderlichen strahlenschutztechnischen Umbauarbeiten weitgehend für die verschiedenen brachytherapeutischen Eingriffe nutzen. Auch die gerätetechnische Ausstattung ist nach der Installation der neuesten Generation eines Afterloadinggerätes und des dazugehörigen dreidimensionalen Planungssystems optimal. Dank der komplexen Software kann die Bestrahlungsplanung sowohl auf der Basis aller Schnittbildverfahren als auch konventioneller Röntgenverfahren erfolgen. Mit der Brachytherapie sind wir außerdem in der Lage, operierte und seltener auch nicht operierte Tumoren der Gebärmutter und des Gebärmutterhalses sehr präzise zu bestrahlen. Durch eine Verbesserung der Hard- und Software wurden in den letzten Monaten zudem die Voraussetzungen geschaffen, die interstitielle bzw. intraluminale Brachytherapie bei Tumoren im Kopf-Hals-Bereich anzuwenden und diese, erstmals in Jena, auch bei Klatskin-Tumoren der Gallenwege sowie Weichteilsarkomen, bösartigen Tumoren der Weichgewebe, einzusetzen.


PD Dr. Jürgen Füller, Leitender Oberarzt der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie

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Letzte Aktualisierung: 2009-04-21 14:39:33